Bericht von Larissa (Feb 2013)

Liebe Gemeinde Waldfriede,

ich schicke euch liebe Grüße aus dem heißen Kenia ins winterliche Berlin und wünsche euch allen ein gesegnetes, neues Jahr. Ich möchte euch daran teilhaben lassen, wie es mir so in Kajiado ergeht.

Inzwischen  bin ich nun schon drei Monate in der Ferne und kein Tag gleicht hier dem anderen.  Nach den anfänglichen, doch sehr herausfordernden, schweren ersten sechs Wochen habe ich mich ab Mitte des zweiten Monats immer mehr eingewöhnt, die strake Sehnsucht nach all den Lieben von zu Hause und letztendlich seinem ganzen gewohnten Leben, ließ nach und meine „Mitfreiwillige“, Johanna, und ich haben uns in unserer neues Umfeld gut eingefunden. Wir haben uns schon nach kurzer Zeit damit arrangiert beispielsweise kein fließendes Wasser im Haus zu haben, eine Latrine zu benutzen, das heißt eine „Toilette“ außerhalb des Hauses und ab und an im Dunkeln sitzen zu müssen, wenn mal wieder der Strom ausfällt. Zu unserer Freude, fällt der Strom aber nicht allzu häufig aus und wenn mal der Fall eintrifft, helfen wir uns mit Kerzen und unseren Taschenlampen aus. An die Mentalität der Kenianer, die Zeit gelassen  zu sehen, große Planungen nicht anzustellen und zu sehen, was der Tag so bringt, haben wir uns inzwischen angepasst, indem auch wir gelassener und geduldiger geworden sind und gelernt haben die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen und uns dann damit zurecht zu finden. Ganz leicht fällt mir das aber nicht, weil ich doch sehr organisiert bin und das Hineinleben ins Ungewisse, den Anfang nicht gerade angenehmer machte.

So wusste ich vor Beginn meines Aufenthaltes noch nicht, dass wir genau in die Ferienzeit geraten und die Mädchen von Mitte November bis Anfang Januar keine Schule haben. Demensprechend begannen Johanna und ich noch nicht mit dem Unterrichten, sondern verbrachten die freie Zeit viel für uns persönlich. Lasen Bücher, schliefen lange aus… Des Weiteren nahmen  wir einen Besuch der Deutschen Botschaft in Nairobi wahr, welcher für alle deutschen Freiwilligen, die zurzeit  in Kenia sind, stattfand.  Es war ein Erlebnis mit dem Taxi in die volle, laute, stinkende Hauptstadt zu fahren, in der es Menschenmengen gibt, die den Bürgersteig nur selten nutzen und sich lieber zwischen den im Stau stehenden Autos durchdrängeln und fortbewegen. Viele, viele Autos, die unglaublich viele Abgase produzieren und ich so manches Auto gesehen habe und dachte, bei uns dürfte so ein Fahrzeug nicht im Straßenverkehr sein und eine Umweltzone ist hier auch ein Fremdwort.

Zu unserer Freude durften wir mit den Mädchen von der Schule an einen Safari-Tagesausflug teilnehmen, der jedes Jahr stattfindet und von Spenden aus Deutschland finanziert wird. Wir kamen in den Genuss Zebras, Giraffen, Büffel und Antilopen zu sehen. Wir machten die Safari mit einem gemieteten Schulbus, sodass es doch ordentlich schaukelte und wackelte, als wir durch die Schlaglöcher der Lehmstraßen fuhren und der Bus des Öfteren in Schräglagen kam, die mich doch verängstigten. „Gott sei Dank“ kamen wir jedoch am Abend wieder heil in der Schule an.

Ansonsten begannen  wir in die Bücherei Ordnung zu bringen und nachmittags waren wir meist bei den ca. 30 Mädchen, die auf Grund ihrer Vergangenheit nicht nach Hause können um die Ferien in ihren Familien zu verbringen. Wir spielten viel Verstecken, Springseil, Ballspiele, bastelten Mobiles und malten oder manchmal erzählten wir einfach und machten Spaß miteinander. Das Ausschneiden von gezeichneten Motiven auf einer dicken Pappe war für die meisten sehr neu und ich sah, dass ihre Fingerfertigkeiten nicht sehr ausgeprägt sind, doch nun nach einigem Üben, kommen sie immer besser mit den Scheren zu recht.  Malen mögen sie besonders gerne. Wir konnten jedoch schnell rausfinden, dass die Mädchen sich doch am liebsten nur von ihren alltäglichen Schulanforderungen erholen wollten und am liebsten sich ausruhten und Nichts taten.

Ein besonderes Erlebnis für uns war gleich in der zweiten Woche  mitzuerleben wie vier neue Mädchen gerettet worden sind und nun hier zur Schule gehen können.  Besonders  die Geschichte eines 11- jähriges Mädchen berührte mich sehr, sie war bereits die zweite Frau eines Mannes, heißt, dass sie beschnitten war  noch dazu wurde sie  versteckt gehalten. Durch eine Frauengruppe, die sich für die Rettung junger Massai- Mädchen einsetzt, und sie aus ihren Familienverhältnissen befreien, gelang es ihnen, das junge Mädchen zu retten. Sie war anfangs sehr verschlossen, in sich gekehrt, eingeschüchtert, ernst und redete kaum. Mit der Zeit gewannen Johanna und ich ihr Vertrauen, sodass sie nun sehr die Nähe sucht, Umarmungen liebt und nun wieder strahlen kann. Sie hat Anschluss an die anderen Mädchen gefunden und kann nun fröhlich und in Sicherheit  ihr „Kind sein“ ausleben.

Auf der einen Seite war es schön, mitzuerleben, wie dank dieser Schule ein weiteres Mädchen einen Zufluchtsort gefunden hatte und nun in Sicherheit ist, aber gleichzeitig wurde mir bewusst, welches Leid und welche seelischen Schmerzen manche jungen Mädchen hier in Kenia erleben. In gewisser Weise sind sie machtlos gegen das, was ihnen angetan wird. Noch immer sind viele Massai der Meinung, ein Mädchen wäre keine Frau und weniger wert, wenn es nicht beschnitte sei.

In der Schule hier wird den Mädchen alles andere als diese Meinung gelehrt. Im Gegenteil, sie lernen sie selbst zu sein, Gott an ihrer Seite zu wissen, auf sich aufzupassen und ihren Weg zu gehen. Trotz der schweren Schicksale, die manche Mädchen erleiden mussten, findet man hier viele selbstbewusste, lustige, strahlende und glückliche Mädchen, die ein wahnsinniges Gottvertrauen haben und einen tiefen Glauben leben. Die Mädchen hier sind sehr stark und können einem zum Vorbild werden, wenn man weiß, was sie schon in ihrem Leben durchstehen mussten und nie ihr Vertrauen in Gott verloren haben.

Alle Mädchen haben uns seit Beginn unsere Zeit hier mit voller Herzlichkeit aufgenommen  und freuen sich, uns in ihrer Kultur und ihr Leben einzugliedern und es uns näherzubringen.  Die Freundschaften zu den Mädchen wachsen jeden Tag weiter und die Fragen zu dem Leben in Deutschland, der Familie und der Welt hören nie auf. Ich freue mich, dass ich die Chance habe ihnen meine Liebe, Geborgenheit und  Zeit zu schenken und für sie eines Tages eine Erinnerung zu werden, eine Person, die sie ein Stück in ihrem Leben begleitet hat.

Besonders viel  Zeit verbringen wir auch gemeinsam jeden Sabbat. Dieser wird am Freitagabend gefeiert mit Vortragsliedern, Gebet, Gesang und Tanz. Der Gottesdienst, der auch aus Predigtteil und Bibelstudium besteht, beginnt um neun Uhr. Johanna und ich gehen aber erst gegen 10h hin, weil zuvor nur Lieder auf Kiswahili gesungen werden. Das Bibelstudium sieht wie folgt aus: Die Lehrer der Schule, die auch auf dem Campus leben, bearbeiten die Lektion, eine Lehrerin leitete die Gruppe der Jüngsten, in der Bibelverse auswendig gelernt und Lieder gesungen werden. In der dritten Gruppe sind die „Getauften“(Mädchen), die anhand eines Buches, die ganze Bibel durcharbeiten und viel über die Wunder Jesu, aber auch die Lebensweisen eines Christen lernen. Nach dem Mittagessen wird ein weiteres Bibelstudium angeboten, in dem ein Lehrer über ein geistliches Thema spricht und eine Diskussion entstehen soll. Die Betonung liegt auf „soll“, da meist nur die Lehrer diskutieren  und keine Mädels, weil diese auf der Stuhllehen des Vordermannes oder an der Schulter ihrer Nachbarin schlafen. Es ist verständlich, da die Thematiken meist nicht kinderfreundlich sind, heißt zu schwierig, und die Mädchen jeden Tag um 5:30h aufstehen. Da muss man gestehen, würden einem die Augen vielleicht auch mal zufallen… Neben dem Studium treffen sich parallel noch die Pfadfindergruppe und wieder die Kleinsten der Schule. Der Sabbat wird dann in gemeinsamer Runde am Abend abgeschlossen. Ich kann sagen, hier wird der Sabbat von Sonnenaufgang bis Sonnuntergang voll gefeiert: ) Ich muss jedoch gestehen, dass ich trotzdem etwas müde nach so einem langen Sabbattag bin, obwohl ich auch meist etwas  für mich persönlich mitnehmen kann..

Seit dem 7. Januar hat nun wieder die Schule begonnen und alle 100 Mädchen sind wieder, bis zu den Ferien im April, hier. Johanna und ich haben mit dem Beginn der Schule auch mit dem Unterrichten begonnen.  Neben dem Unterrichten haben wir noch die Verantwortung für die Bücherei, die wir organisieren, ordentlich halten und die während der Schulzeit geöffnet ist. Wir unterrichten die Klassen 3- 8 in Deutsch, Computer und Sport. Es ist natürlich noch alles neu, auf einmal steht man als „Lehrerin“ vor den Mädchen und teils Jungen und die größte Herausforderung ist wohl das Unterrichten von Computer. Zurzeit funktionieren die PCs noch nicht, sodass sich der Unterricht auf die Theorie beschränkt. Wir müssen noch beide unseren Weg finden, den richtigen Umgang mit den Mädchen im Unterricht zu bekommen, die Spanne zwischen Lehrerin am Vormittag und Freundin am Nachmittag zu meistern und uns allgemein an die Aufgabe „der Lehrerin“ zu gewöhnen. Aber schon nur nach kurzer Zeit weiß ich, dass mich die neue Aufgabe noch mehr darin bestärkt, das Lehramtstudium nach meiner Zeit in Kenia zu absolvieren. Ich freue mich auf die bevorstehende Zeit, mich im Unterrichten auszuprobieren und bin neugierig auf, dass was noch geschehen wird, auch wenn es für mich noch ungewiss und im „Verborgenen“ ist.

Kein Tag gleicht hier dem anderen, oft treffen unerwartete Situationen ein, die einen des Öfteren herausfordern, die mir und auch Johanna  dennoch immer wieder zeigen, wie sehr Gott unsere Halt ist und wir unsere Vertrauen auf ihn setzen und dieses immens wächst.

Ich danke euch, für eure Unterstützung, Anteilnahme in Gebet und auch durch E-Mails. Ich würde mich darüber freuen und wäre euch dankbar, wenn ihr in eure Gebete auch all die Massai Mädchen einschließt, die schlimmes Leid erlebt haben oder noch in ihren Verhältnissen leben, denn sie brauchen eure Gebete!

Alles Gute euch und ich wünsche, dass auch ihr, die Dinge, die unerwartet eintreffen und euch herausfordern, mit Gottes Hilfe meistert und dass wenn etwas mal nicht nach eurem Plan läuft, die neuen Umstände gelassen(er) zu sehen : )

In diesem Sinne, alles Liebe von Larissa